Kochen, essen, lieben?

Mit Fremden kochen, essen und sich näherkommen. Das ist die Idee von Jumpingdinner. Lässt sich so die große Liebe finden? Ein Selbstversuch.

 

Text, Bild: Julia Spahr

 

 Ich habe Dirk vor zehn Minuten kennengelernt, jetzt backen wir zusammen einen Kuchen. „Hast du einen Messbecher?“, fragt er. „Leider nicht“, antworte ich. „Hm. Auch keine Küchenwaage?“ „Nein.“ „Hm. Schwierig.“ Was meint er, frage ich mich, findet er die Kücheneinrichtung schwierig oder mich. Das wäre ja ein Urteil, schon nach zehn Minuten.

Jumpingdinner nennt sich das, es soll beim Verlieben helfen. Mit einem Partner, der mir über eine Onlineplattform zugeteilt worden ist, kochte ich einen Gang. Zwei weitere essen wir in fremden Wohnungen bei anderen Kochteams. Die Zusammensetzung der Gäste ändert sich mit jedem Gang.

Ich möchte herausfinden, ob man sich so verlieben kann.

Es geht los

In meiner Wohnung gehe ich auf und ab. Um 14.00 soll mein Kochpartner kommen. Um 13.59 klingelt er an der Tür. Dirk ist mindestens 15 Jahre älter als ich, hat einen Schnurrbart und ein kleines Bärtchen zwischen Unterlippe und Kinn. Die Nase ist mit geplatzten Äderchen überzogen. Im linken Ohrläppchen steckt ein kleiner Silberring. Na gut. Vielleicht ist er ja nett.

Obwohl ich weder Messbecher noch Küchenwaage habe, streichen wir schließlich eine dickflüssige Schokoladenmasse in die Springform, etwas später ziehe ich einen dampfenden Kuchen aus dem Ofen. Kaum ist er ausgekühlt, müssen Dirk und ich los, zur Vorspeise.

Er habe schon ein paar Mal beim Jumpingdinner mitgemacht, erzählt Dirk. „Die letzte Kochpartnerin hat mich aber richtig genervt.“ Er habe 30 Euro für die Zutaten ausgegeben und sie habe einfach nichts bezahlt. Nicht einmal Wein habe sie mitgebracht. „Aber man will ja nicht kleinlich sein.“

Auch sonst sei es schwierig, eine Partnerin zu finden. „Ehrlich gesagt werde ich immer intoleranter mit dem Alter.“ Dirk ist wie ich einer der rund 12 Millionen Singles in Deutschland. Er lebt in Hamburg, der deutschen Single-Hauptstadt. Nirgendwo sonst suchen so viele Leute über Internetangebote nach Liebe.

Vorspeise mit Zirkusdomteur

„Willkommen!“, sagt Basti, der Gastgeber für die Vorspeise. Er ist groß, blond und 40. Seine Arme sind zwar trainiert aber unter seinem Polo-Hemd zeichnet sich ein Bäuchlein ab. Die Möbel im Wohnzimmer sind alle hellgrau. An der Wand hängen afrikanische Masken. Bastis Kochpartnerin Kim sitzt schon am Tisch. Sie steht auf, wischt sich die rechte Hand auf dem Oberschenkel ab und streckt sie uns hin. Mein Kochpartner Dirk schaut sich im Raum um. Solche Masken habe er auch. Seine seien aus Guatemala.

„Oh, das interessiert mich ja total! Ich bin lateinamerika-süchtig. Ein bisschen“, Kim lacht und streicht sich hastig die Augenbrauen zurecht.

„Also ich arbeite als Dompteur beim Stadtzirkus“, sagt Dirk unvermittelt. „Was?“ „Das sollte ein Witz sein“. Er sei Lehrer. Fast alle seine Schüler haben Migrationshintergrund und sprechen teilweise kaum Deutsch. Es ist schwierig. Lichtblicke gebe es keine. „Trotzdem erfüllt es mich total.“ „Das merke ich“, sagt Basti und lacht. Er selbst führt eine Logistikfirma, hat seine Wohnung eigenhändig renoviert und bewohnt nun die vier Zimmer alleine. „Bis jetzt“, er lächelt in die Runde.

Ich denke schon gespannt an die Hauptspeise, denn diese vier Zimmer interessieren mich nicht. Auch Dirk will weiter. Er verabschiedet sich von Kim, gleichzeitig guckt er auf dem Handy nach, wo wir als nächstes hin müssen. Kim dreht sich noch während des Händedrucks weg.

Wieder in der U-Bahn zeigt mir Dirk Fotos aus Spanien. „Guck mal, hier ist ein verendetes Tier. Ein Fuchs oder so.“ Er war wandern. Alleine. „Früher bin ich immer mit einer Freundin gegangen, aber die hat jetzt ‘nen neuen Typen.“ Im nächsten Urlaub fährt er mit seinen Eltern in den Harz. Er hofft, bei diesem oder beim nächsten Jumpingdinner eine Frau zu finden, mit der er in Zukunft in die Ferien fahren kann.

Solche Single-Essen finden in jeder größeren deutschen Stadt ein- bis zweimal monatlich statt. Teilnehmen können alle, die sich online anmelden.

Follow your dreams zur  Hauptspeise

„Die Schuhe könnt ihr anbehalten“, sagt Lia, die neue Gastgeberin, und lässt uns in die Wohnküche. Ihr Kochpartner hat kurzfristig abgesagt, deshalb bewirtet sie uns alleine. Schade.

Die Küche ist mit warmem Licht erhellt, auf dem Herd köchelt eine Tomatensauce. „Follow your dreams“ steht auf einer Karte an der Wand. Lia trägt ein enges, langes Baumwollkleid und große blaue Ohrstecker. Sie ist vor kurzem fertig geworden mit ihrem Psychologiestudium und arbeitet nun in einer Praxis.

„Mein Kumpel sucht eine Psychologin“, beginnt Dirk zu erzählen. „Er hofft, dass er eine heiße findet. Ich glaube, die Chancen stehen gut“, sagt er. Eine kleine Falte bildet sich zwischen Lias Augenbrauen. „Ja, also, wenn ich meine Kolleginnen so angucke, dann durchaus“, sagt sie. „Was arbeitet ihr?“ „Ich bin Dompteur beim Stadtzirkus.“ Und wieder folgen Ausführungen über seinen Lehreralltag.

Zum Glück haben wir nicht viel Zeit und müssen weiter zum nächsten Gang.

Follow your dreams zur der Hauptspeise

Jetzt sind wir die Gastgeber. Eigentlich sollten nun wieder Fremde kommen, da sich aber für diesen Tag nur so wenige Leute angemeldet haben, stehen Basti und Kim von der Vorspeise sowie Lia vom Hauptgang vor meiner Tür.

Logistik-Chef Basti setzt sich neben Lia, dreht sich zu ihr und legt eine Hand auf ihre Stuhllehne. Sie hält die Arme verschränkt und blickt auf den Tisch. Als sie aufsteht und nach ihrer Lederjacke greift, erhebt auch er sich. Er drückt ihr zwei Küsschen auf die Wangen und fragt sie etwas, das ich nicht verstehe. Sie schüttelt den Kopf.

Ich bringe sie nach draußen und sie sagt: „Jetzt hat er die ganze Zeit an mir rumgegraben, aber ich wollte ihm meine Nummer nicht geben.“ Sie zuckt mit den Schultern und geht heim.

Im Wohnzimmer streicht Kim auf ihrem Handy rum. Dirk unterhält sich mit Basti über dessen Körpergröße: „Ist doch gut, dass du so groß bist, da stehen die Hühner drauf.“ Spätestens nach dieser Aussage bin ich froh, dass sich alle langsam verabschieden und auf den Heimweg machen.

Ich lege mich aufs Sofa.

Zum Glück bin ich wieder allein.

 

Diese Reportage habe ich während meines Volontariat-Kurses an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg geschrieben. Im Mai 2016.