Sortenvielfalt bedeutet Sicherheit

Eine vielfältige Auswahl an Gemüse ist nicht nur im Garten und auf den Tellern erfreulich. Das Bewahren von seltenen Gemüsesorten sichert auch einen Teil unserer kulturellen Identität. Ausserdem ist man dank unterschiedlichen genetischen Ressourcen besser gegen Pflanzenkrankheiten und klimatische Veränderungen gerüstet.

 

Text und Bilder: Julia Spahr

 

Gemüse gehört auf den Speiseplan der meisten Menschen in unseren Breitengraden. Wir essen verschiedene Gemüsearten, vergessen aber zuweilen, dass es noch unzählige Sorten und Arten gäbe, die nicht zu unserer alltäglichen Nahrung gehören oder die bereits verschwunden sind.

In «den letzten 20 Jahren hat eine rasante Konzentration des Saatgutmarktes stattgefunden», sagt Nicole Egloff von Pro Specie Rara. Beim Gemüse haben fünf Firmen weltweit 95 Prozent des Marktanteils und das Angebot des Saatguts werde auf industrialisierte, intensive Landwirtschaft zugeschnitten. Die Sorten seien auf schnelles Wachstum, Haltbarkeit und Homogenität gezüchtet. Das führe dazu, dass weniger ertragreiche und lokale Sorten verschwänden.

Geringe Vielfalt auf dem Teller

Diese Monopolisierung des Saatguts und der Verlust der Sortenvielfalt zögen drei Probleme nach sich, sagt Egloff. Erstens bedeute geringe Vielfalt bei den Pflanzen auch geringe Vielfalt auf dem Teller. Rüeblisorten etwa gebe es fast nur noch die orangen, dabei habe es früher unzählige Formen und Farben von Rüebli gegeben. Zudem haben ältere Sorten oder Arten oft mehr Nährstoffe, wie auch der Gartenexperte Paul Stalder bestätigt: «Der Gute Heinrich etwa ist viel faseriger als unser heutiger Spinat», deshalb gelte es, diese Arten zu schützen. Federkohl und Pastinake seien Beispiele von alten Sorten, die jetzt eine Renaissance erleben. «Ganz viele Sorten sind aber vollkommen verloren gegangen», so Egloff.

Kulturhistorisches Erbe geht verloren

Mit dem Verlust dieser alten Sorten und Arten geht auch ein Teil unseres kulturhistorischen Erbes verloren. Das nennt Egloff als zweiten Grund, weshalb der Schwund von Artenvielfalt aufzuhalten sei. Die hiesigen Sorten haben sich in unserem Lebensraum und unseren klimatischen Bedingungen entsprechend entwickelt. Die von Grosskonzernen produzierten Sorten sind alle gleich und gedeihen in verschiedenen Lebensräumen mehr oder weniger gut. Aber wenn alle überall das Gleiche anbauen und essen, gehen kulturelle Identitäten und Traditionen bestimmter Regionen verloren.

 

Sibylle Siegrist neben einem Beet mit verschiedenen Krautstiel-Sorten.

 

«Vielfalt bedeutet Sicherheit»

Der dritte Grund, weshalb Artenvielfalt wichtig ist, ist der bedeutendste: «Vielfalt bedeutet Sicherheit», sagt Egloff. Was nämlich passieren kann, wenn nur wenige Sorten angebaut werden und zur Verfügung stehen, zeigt das Beispiel von Irland Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals wurden die Kartoffeln von Krautfäule befallen. Landesweit wurden nur zwei Kartoffelsorten angebaut und die waren beide sehr pilzanfällig. Durch das nasse Klima und die einseitige Bodenbelastung breitete sich der Pilz problemlos grossflächig im Boden aus und zerstörte das damalige Grundnahrungsmittel der Iren. Das forderte eine Million Todesopfer.

«Wenn die Konzerne wie heutzutage weltweit alle die gleichen Sorten produzieren, kann das auch heute im Fall einer klimatischen Veränderung oder neuer Krankheiten Probleme bringen», sagt Egloff weiter. Wenn diese Gene in bestimmten klimatischen Verhältnissen nicht gediehen, könne man keine neue Genetik kreieren.

Pro Specie Rara bewahrt deshalb verschiedene Sorten und Arten mit unterschiedlichem Genmaterial auf. In der Samenbibliothek in Basel wird das Saatgut gelagert. Etwa jenes von 1300 Garten- und Ackerpflanzen. Rund 450 freiwillige Hobbygärtner kümmern sich um die Sortenbetreuung und Vermehrung und senden die Samen jeweils Ende Jahr an die Samenbibliothek. Die Samen sollen dann aber auch unter die Menschen gebracht werden. Dazu werden stets neue Anbauer und Sortenbetreuerinnen gesucht.

 

Der Blick auf den Sortenschaugarten in Wädenswil und den Zürichsee.

 

Seltene Sorten werden aber auch von Direktvermarktern gepflegt, denen die Vielfalt ebenso wie Pro Specie Rara am Herzen liegt. So etwa bei Sibylle Siegrist, die in ihren Kulturen in Küttigen AG 180 verschiedene Tomatensorten, unzählige Kürbisse, Zucchetti und Gurken anbaut. Diese verkauft sie auf dem Wochenmarkt und auf Pro-Specie-Rara-Setzlingsmärkten.

Auch auf Bundesebene setzt man sich für den Erhalt seltener Sorten ein. Im Rahmen eines nationaler Aktionsplans zur Erhaltung von genetischen Ressourcen unterstützt das Bundesamt für Landwirtschaft mehrere Schaugärten in der Schweiz. Dort wird die Artenvielfalt einem breiten Publikum zugänglich gemacht. So beispielsweise im Sortenschaugarten an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Wädenswil. Dort kann man ganze Zyklen von Pflanzen kennenlernen. Von der Aussaat bis zum Abblühen ist jedes Stadium sichtbar. Ausserdem lernt man besondere Sorten kennen.

 

Erschien am 23. Juli 2016 im «Schweizer Bauer» im Dossier «Seltenes Gemüse».