Der Schmetterlingsjäger vom Wasen

Christian Roesti ist Heuschrecken-Spezialist. In einem Naturschutzgebiet an der Aare schaut er, welche «Heugümper» und Schmetterlinge dort vorkommen. Besonders gern würde er den seltenen Ameisenbläuling finden.

 

Text und Bilder: Julia Spahr

 

 

Unruhig blickt Christian Roesti in den blauen Morgenhimmel bei Wangen an der Aare BE. Heute ist ein wichtiger Tag. Ausgerüstet mit einem grossen Netz, einem Feldstecher und einem dicken Schmetterlingsbuch streift er durch das hohe Gras an der Aare. Plötzlich rennt er los und schwingt das Netz in der Luft. «Ich habe einen Schmetterling gefangen», ruft er. Allerdings nicht den Ameisenbläuling.

In einem kleinen Naturschutzgebiet macht Roesti eine Bestandesaufnahme der dort lebenden Schmetterlinge und Heuschrecken. «Es wäre toll, wenn ich den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling fände», sagt er. So könnte er zeigen, dass der Schmetterling in dieser Gegend noch heimisch ist. «Er sollte hier vorkommen», sagt Roesti. Denn der Ameisenbläuling legt seine Eier auf den Grossen Wiesenknopf, und diesen hat Roesti bereits entdeckt. «Mal schauen, ob wir ihn finden», sagt er.

 

Christian Roesti weiss, wo er am besten Schmetterlinge fangen geht.

 

Zunächst nimmt er den gerade gefangenen Schmetterling aus dem Netz, und ohne ihn zu berühren, befördert er ihn in ein Döschen aus Schaumstoff und Plexiglas. So kann er ihn aus nächster Nähe betrachten und mithilfe des Schmetterlingsbuchs bestimmen. «Wie wunderschön seine Flügel sind!», ruft er. «Das ist ein Mauerfuchs, der ist so etwas von schön!» Er gibt die Daten in die Aufnahmedatenbank ein und lässt den unversehrten Schmetterling fliegen.

 

Roesti bei der Bestimmung eines „Mauerfuchses“.

 

«Heugümper»-Liebe

Noch besser als mit Schmetterlingen kennt sich Roesti mit Heuschrecken aus. «Ich bin auf dem Land, im Wasen i. E., aufgewachsen und hatte schon immer ausgesprochen Freude daran, draussen in der Natur zu sein. Heuschrecken habe ich auch schon immer gern beobachtet», erzählt er. Zusammen mit seinem Vater, der die Begeisterung für die Insekten teilt, ging er auf Bestimmungs- und Beobachtungsausflüge. «Als ich zehn Jahre alt war, kannte ich bereits alle 110 Heuschreckenarten der Schweiz», sagt Roesti und horcht abrupt auf. «Dieses Zirpen! Das kommt von einer Roesels Beissschrecke.» Er steht auf und bewegt sich zielstrebig auf einen Grashalm zu. Im gleichen braunen Farbton wie ein getrockneter Halm sitzt sie da und zirpt. «Das ist ein Männchen und das Zirpen sind Paarungsgesänge, er will ein Weibchen anlocken», sagt Roesti. Sobald ein Weibchen in die Nähe komme, gebe er einen anderen Gesang von sich. Einen, der das Weibchen in Paarungsstimmung versetze. «Jede Heuschrecke macht unterschiedliche Zirpgeräusche, je nach Situation», sagt Roesti. Er erkenne die Heuschrecke und deren Stimmung einzig an ihren Gesängen.

Wissen weitergeben

Obwohl Roesti Biologie studiert hat, hat er sich das Wissen über Heuschrecken grösstenteils selbst angeeignet. Dieses gibt er nun weiter. Er bietet Heuschreckenkurse  und -reisen an, hält Vorlesungen zur Heuschreckenbestimmung an der Universität Lausanne, und mit drei weiteren Autoren hat er das Standardwerk «Die Heuschrecken der Schweiz» herausgegeben. Ein paar Jahre später erschienen Buch und DVD «Die Stimmen der Heuschrecken». Seit Kurzem gibt es eine Heuschrecken-App, auf der die Inhalte der beiden Bücher vereint sind. Den Sommer über hat Roesti Engagements für verschiedene Projekte zur Bestandesaufnahme von Schmetterlingen, Heuschrecken und Libellen in Gegenden der ganzen Schweiz.

Bläuling, wo bist du?

«Hier sollte der Ameisenbläuling vorkommen», sagt er erneut. «Die Lebensräume hier deuten darauf hin.»

Immer wieder zückt er unvermittelt sein Netz und rennt los, immer wieder fängt er Schmetterlinge verschiedener Arten wie etwa ein «Landkärtchen», der Ameisenbläuling ist allerdings nicht dabei. Nach mehreren Stunden entscheidet Roesti, das kleine Naturschutzgebiet zu verlassen. «Ich habe ihn nicht gefunden, aber es ist natürlich immer Glückssache. Vielleicht lebt er hier und ist einfach nicht vorbeigeflogen.» Schmetterlinge flögen nun mal, und das sei ja auch Teil ihres Reizes, sagt Rösti. Den Blick auf den Boden gerichtet und das Netz auf die Schultern gelegt, macht er sich auf den Rückweg.

 

Kein Bläuling, dafür ein „Landkärtchen“.

 

Der Ameisenbläuling

Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling (Maculinea nausithous) legt seine Eier auf den Grossen Wiesenknopf (Sanguisorba officialis). Von dort lässt sich die junge Raupe fallen. Auf dem Boden stösst sie Duftstoffe aus, die Ameisen anziehen. Die Ameisen tragen die Larve in ihr Nest. Dort ernährt sie sich bis zur Verpuppung von Ameisenlarven. Erst wenn er als Schmetterling schlüpft, erkennen ihn die Ameisen als Parasit, und er muss so schnell wie möglich aus dem Nest fliehen.

 

Erschien am 17. September 2016 im «Schweizer Bauer».