Vom Honig-Gersten-Kuchen zum Hamburger

Schon in der Antike wollten die Leute reisen und sich vergnügen. Spätestens nach der industriellen Revolution kamen sie aber unter Leistungsdruck. Wer unterwegs ist und kaum Zeit hat, braucht schnelles Essen. Wegen solcher Bedürfnisse entwickelte sich der Fast Food. Was in der Antike angefangen hat, nahm in den 1950ern ganz neue Dimensionen an.

 

Text: Julia Spahr

Bild: Philip Wilson (www.flickr.com/photos/philll)

 

Bereits im antiken Griechenland und Rom waren Menschen unterwegs. Unter anderem auf Handelswegen. Eine der bekanntesten Routen des Altertums verlief von Athen nach Eleusis und Piräus. Entlang dieser Wege standen erste Essens-Stände, und die Reisenden konnten gefüllte Feigenblätter, Gerstenkuchen mit Honig, Bratfische, Breie und Brote kaufen.

Würstchen und Kuchen in den Thermen

Nicht nur an Handelsstrassen fanden sich diese Vorläufer des Take-away-Restaurants, sondern auch in Städten, etwa in der antiken Metropole Rom. Auf Plätzen oder unter den Zuschauerrängen des Circus Maximus, wo Wagenrennen zur Unterhaltung des Publikums stattfanden, wurden dicht aneinander gedrängte Stände aufgebaut. Und Standbetreiber verkauften neben Souvenirs allerlei Esswaren. Auch im Theater wollten die gut situierten Römer Speis und Trank geniessen, und sogar in den Thermen, den Badeanstalten, konnten die Besucher Würstchen, Kuchen und Wein kaufen. Während das römische Reich unterging, entwickelten sich Märkte weiter. Im Mittelalter stellten die Leute neben Kathedralen Stände auf, und so wurden diese Plätze für das öffentliche Leben ebenso wichtig wie die Kirche selbst.

Auch ausserhalb von Europa Leute ihr Essen an Ständen. Wie die Beschreibung eines Reisenden von Kairo im vierzehnten Jahrhundert zeigt: «Es gibt viele Köche, die draussen auf der Strasse prächtige Fleischstücke kochen, in der Nacht wie am Tag. Und kein Bürger, wie reich er auch sein mag, kocht bei sich zu Hause. So halten es alle Heiden; sie lassen ihr Essen in diesen Basars holen. Oft setzen sie sich einfach auf die Strasse und essen dort.»

Vier Jahrhunderte später beschrieb Goethe in seiner «Italienischen Reise», wie sich Leute auf einem Markt in Neapel einer frühen Form von Fast Food bedienten: «An der Ecke fast jeder grossen Strasse sind die Backwerksverfertiger mit ihren Pfannen siedenden Öls beschäftigt, Fische und Backwerke einem jeden nach seinem Verlangen sogleich zu bereiten. Viele Tausend Menschen tragen ihr Mittag- und Abendessen von da auf einem Stückchen Papier davon.»

Keine Zeit für Mahlzeiten

Mindestens seit der Antike verzehrte man also Essen auf Reisen oder an öffentlichen Orten. Der Aspekt der Geschwindigkeit wurde aber erst später so richtig wichtig: nach der industriellen Revolution. Durch mechanisierte Arbeitsabläufe, neue Erfindungen wie künstliches Licht und wegen der Verkürzung von Reisezeiten durch leistungsfähigere Verkehrsmittel wurde das Leben der Leute immer schneller. Von den Arbeitern wurde gefordert, dass sie produktiver werden, und wegen des künstlichen Lichts waren Arbeitszeiten nicht mehr an das Tageslicht gebunden. Fortan musste man schneller und länger arbeiten.

Zum Essen blieb kaum Zeit. Mahlzeiten waren nicht mehr Mittelpunkt des Tages. In der vor-industriellen bürgerlichen Gesellschaft sass die Familie bei Tisch und zelebrierte das Zusammensein. Wegen längeren Arbeitswegen und -zeiten rückte dieses Ritual teilweise in den Hintergrund. Berufstätige Familienväter mussten ihren Hunger schnell, nebenbei oder unterwegs stillen. Schnelles Essen wurden also immer gefragter.

Berühmtes gelbes M

In den USA entstanden  immer mehr Selbstbedienungsrestaurant. Die erste Hamburger-Kette eröffnete 1916 in Kansas (USA), und fünf Jahre später fuhren Autos durch erste Drive-ins. Einen richtigen Aufschwung erlebte die Fast-Food-Branche aber erst in den 1950ern. Noch heute bekannte und erfolgreiche Ketten öffneten damals ihre Tore. So etwa Burger King, Kentucky Fried Chicken (KFC), Pizza Hut oder Dunkin’ Donuts.

Die wohl berühmtes Kette mit dem gelben M im Logo wurde dagegen bereits 1940 gegründet. Die Brüder Mac und Dick McDonald eröffneten damals ihr erstes Restaurant in Kalifornien. Im Lauf der Zeit begannen sie das System des Franchising zu perfektionieren. Das führte dazu, dass die Restaurants alle mehr oder weniger gleich eingerichtet wurden, dass alle Mitarbeiter die gleichen Uniformen trugen und vor allem auch dass das Essen überall genau gleich schmeckte. McDonald’s breitete sich mit diesem Konzept in den USA und von dort in der ganzen Welt aus. Noch heute ist er der führende Fast-Food-Anbieter.

Heute setzen sich neue Essenstrends durch. Leute legen vermehrt Wert auf gesunde Ernährung und Gegenbewegungen zum Fast Food wie etwa Slow Food formieren sich. Noch sind aber die Logos der Fast-Food-Ketten aus grösseren und sogar kleinen Städten kaum wegzudenken.

 

Erschien am 29. Oktober 2016 im «Schweizer Bauer».

Quelle: Christoph Wagner, «Fast schon Food». Die Geschichte des schnellen Essens, 1995, New York und Frankfurt: Campus.