Allein am Fest der Liebe

An keinem anderen Feiertag wird der Wert der Familie mehr herausgestrichen als an Weihnachten. Umso schmerzhafter ist es für  viele, das Fest allein zu verbringen. Deshalb gibt es Angebote, die Alleinstehende zusammenbringen.

 

Text: Julia Spahr

Bilder: Beitragsbild (Symbolbild): Bao Tri Nguyen; Bilder: zvg

 

In der Werbung für Schokolade, Fleisch oder Elektrogeräte sieht man am Fernsehen oft eine glückliche Familie, die unter dem Weihnachtsbaum zusammensitzt. In jedem Weihnachtsschreiben von Geschäftspartnern steht: «Wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie alles Gute.» In Zeitschriften bekommt man Tipps fürs Familienfestessen und für den Besuch bei Verwandten. Von Plakaten lächeln einem glückliche Eltern mit ihren hübschen Kindern entgegen, die im Kerzenschein harmonisch beisammensitzen.
Diese Szenen bilden aber nicht die Realität ab. In der Schweiz lebten im letzten Jahr laut dem Bundesamt für Statistik mit rund 35 Prozent über ein Drittel der Menschen in Einzelhaushalten. Wie diese Weihnachten feiern, ist nicht bekannt. Einige unter ihnen dürften aber allein sein. Jene, die keine Familie oder Angehörige mehr haben oder den sozialen Anschluss verloren haben.

Alleinsein ist in Ordnung

Viele dieser Menschen sind es gewohnt, allein zu sein. Aber an Weihnachten schmerzt es sie oft, weil die Idee vom Familienglück dann so omnipräsent ist. «Ich merke, dass der Druck riesig ist, diesen Feiertag im Familienkreis zu feiern», sagt Pfarrerin Agathe Zinsstag aus Ostermundigen BE. Besonders für Leute, die sich gerade getrennt haben, sei es schwierig. Sie gehörten nirgends mehr richtig dazu und fühlten sich unter Umständen als Versager. Dabei sei es völlig in Ordnung, wenn man Weihnachten einmal allein feiert, so Zinsstag. «Das Wichtigste ist, sich vom Druck zu befreien und von der Vorstellung zu lösen, man müsse Gesellschaft haben.» Wer alleine sei, könne den Tisch ja auch für sich selbst schön decken, Kerzen anzünden, etwas Leckeres kochen, ein Buch lesen, Musik hören oder einen Film schauen.

 

Agathe Zinsstag ist Pfarrerin in Ostermundigen.

Auch Ernst Flückiger, Leiter Fachbereich Beratung am Inforama, kennt das Problem der Einsamkeit von seinen Beratungen. «Häufig sind es Männer, die allein ihren Betrieb bewirtschaften und kaum mehr soziale Kontakte haben», sagt er. Nicht nur an Weihnachten selbst, sondern allgemein in der dunklen Jahreszeit empfänden diese ihr Alleinsein als schwierig.

Einen Schritt machen

«Ich rate ihnen, den Schritt nach draussen zu wagen», so Flückiger. Beispielsweise mal an einen Markt zu gehen. Man müsse zunächst auch mit niemandem reden. Es nütze schon, wieder unter die Leute zu gehen. «An Heiligabend kann man beispielsweise einen weihnächtlichen Gottesdienst besuchen, um nicht ganz allein zu sein», rät er.

 

Ernst Flückiger leitet den Fachbereich Beratung am Inforama.

 

Sich zusammenschliessen

Auch Zinsstag schlägt vor, eine kirchliche Weihnachtsfeier zu besuchen. «Vielleicht kennt man ja andere Alleinstehende und kann sich mit diesen in der Kirche treffen.» Einige haben vielleicht sogar Lust, andere, von denen sie wissen, dass sie auch allein sind, zu sich einzuladen. Es gebe auch Leute, die gemeinsam eine Waldweihnacht organisierten, sagt die Pfarrerin.
Aber auch wer keine alleinstehenden Bekannten hat und Weihnachten nicht allein verbringen möchte, kann sich zu anderen gesellen. In vielen Ortschaften bietet die Gemeinde oder die Kirche offene Weihnachtsfeiern an. An Heiligabend oder an Weihnachten. Manchmal wird dort Essen zur Verfügung gestellt, manchmal bringen die Teilnehmenden alle etwas mit. Dann wird zusammen gegessen und gefeiert. Auch die Heilsarmee bietet offene Feiern für Alleinstehende an.

Einem Verein beitreten

«Wer an den Feiertagen und im Winter unter dem Alleinsein leidet, sollte versuchen, sich auch unter dem Jahr nach draussen zu wagen», sagt Flückiger. Etwa einem Verein beitreten. Die Vereine freuten sich über neue Mitglieder. Allfällige Hemmungen seien verständlich und gehörten zum Menschsein. Mit etwas Mut könnten sie überwunden werden, so Flückiger.

Offene Weihnachtsfeiern

In vielen Schweizer Orten  bietet die Heilsarmee offene Weihnachtsfeiern an. Liste unter: www.heilsarmee.ch. Auch von vielen Gemeinden werden solche Feiern organisiert. Um herauszufinden, wo und wann, in den Kirchen-Zeitungen nachsehen oder den Namen der gewünschten Gemeinde mit dem Stichwort «offene Weihnachten» bei Google eingeben.

Bei akuten Sorgen

Die Dargebotene Hand, das Schweizer Sorgentelefon  (Nummer 143), ist rund um die Uhr jeden Tag bedient. Wer eine Sorge hat und mit jemandem sprechen möchte, kann sich dort anonym melden und erhält Hilfe. Das Bäuerliche Sorgentelefon ist unter der Telefonnummer 041 820 02 15 erreichbar. Betreut ist es am Montag, 8.15–12 Uhr, und am Donnerstag, 18–22 Uhr.

 

Erschien am 21. Dezember 2016 im «Schweizer Bauer».