Zögerliche Annäherung an Geheimnisse

In ihrem neuen Film befasst sich die Schweizer Regisseurin Alice Schmid mit den Geheimnissen rund um die  Schlucht Änziloch. Der Film dreht sich aber auch um  die Sehnsucht und Entwicklung der 12-jährigen Laura.

 

Text: Julia Spahr

Bilder: © Impuls Pictures AG

Hörbeitrag: Julia Spahr

 

Das Mädchen vom Änziloch». So lautet der Titel des neuen Dokumentarfilms der Schweizer Regisseurin Alice Schmid («Die Kinder vom Napf»). Einerseits steht also die sagenumwobene Schlucht im Entlebuch LU, das «Änziloch», im Zentrum des Films. Andererseits ist es die Geschichte eines Mädchens auf der Suche nach Freundschaft, Anerkennung und sich selbst.

 

Das Änziloch strahlt etwas Magisches aus.

Verbannte Jungfrau

Die «Änziloch»-Schlucht ist sehr steil und gefährlich. Kein Weg führt herunter. Man erzählt Sagen, wonach einst eine Jungfrau dorthin verbannt wurde und seit Jahrhunderten da
lebt. «In diese Schlucht geht man einfach nicht und den Kindern droht man, sie auch in das Loch zu verbannen, wenn sie nicht gehorchen», erzählt Regisseurin Alice Schmid, die selbst in dieser Gegend aufgewachsen ist, dem «Schweizer Bauer» an den Solothurner Filmtagen. Der Respekt der Leute, die rund um das Loch wohnen, sei riesengross. Sie kommen im Film in kurzen Sequenzen immer wieder zu Wort, erzählen, welche Sagen sie kennen und warum sie noch nie hinuntergegangen sind.
Auch Laura, die 12-jährige Hauptfigur des Films, ist fasziniert von dieser Schlucht. In ihr Tagebuch schreibt sie Überlegungen dazu auf und geht mit dem Feldstecher rund um das Loch auf Entdeckungstour.

 

Laura Röösli, Alice Schmid und Thom Straumann an den Solothurner Filmtagen.

Leben auf dem Bauernhof

Neben Lauras Annäherungen ans Änziloch geht es im Film aber auch um ihr Leben auf dem Bauernhof und um ihre Gefühle als einziges Mädchen in einer grossen Bauernfamilie. Alice Schmid und die Filmcrew haben sie während der Sommerferien 2015 sechs Wochen lang begleitet.
Der Film gewährt tiefe Einblicke in Lauras Ferienalltag: wie sie sich auf dem kleinen Milchbetrieb um die verschiedenen Tieren kümmert. Kühe, Ponys, Kaninchen, Truten und Hunde scheinen ihre Vertrauten zu sein.

 

 

Durch die ruhigen, auf Laura konzentrierten Bilder vermittelt der Film Authentizität. Laura scheint sich völlig unbeobachtet zu fühlen. Tatsächlich sagt sie: «Ich bin in diesem Film ich. Es ist alles real. Nichts ist gespielt.» Weitere Nähe zur Hauptfigur entsteht durch die vorgelesenen Tagebuchauszüge. «Jeden Abend nach dem Dreh haben wir etwas aufgeschrieben», erzählt Schmid. Die Auszüge dienten der Regisseurin aber nicht nur dazu, Nähe zu Laura aufzubauen. Die vorgelesenen Einträge gaben den Ereignissen auch eine Struktur. «Ich konnte nach den Dreharbeiten auswählen, welche Stellen im Tagebuch ich verwende und dadurch die Geschichte vorwärtsbringe», sagt die Regisseurin. Ein weiteres, fast spielfilmartiges Element sei der Junge, der aus der Stadt auf den Hof gekommen sei. «Ich dachte, die ganze Situation müsse auch noch mit den Augen eines Aussenstehenden gesehen werden», sagt Schmid. So kam Thom zu Lauras Familie in den Landdienst. «Ohne Lauras Wissen habe ich ihn beauftragt, sie mit Fragen zum Änziloch zu löchern», sagt Schmid.

 

Thom und Laura spekulieren übers Änziloch.

Zögerliche Annäherung

Die beiden spekulieren denn auch über das Loch und gehen in dessen Umgebung auf Entdeckungstour. Viele Szenen drehen sich aber um die Beziehung der beiden. Wie sie sich einander annähern, schüchtern, fast ebenso zögerlich und fasziniert wie dem Änziloch. In Thom findet Laura den Freund, den sie sich zuvor gewünscht hat. «Am meisten wünsche ich mir einen Freund zum Reden», schrieb sie ins Tagebuch.
Nach einer Woche reist Thom wieder ab. Er verspricht, zurückzukommen, um mit Laura ins Änziloch zu gehen. Er kommt nicht. Laura ist wieder allein und muss sich mit der Zurückweisung auseinandersetzen. Schliesslich wagt sie sich selbst ins Änziloch. Dort unten findet sie aber nicht die verbannte Jungfrau, sondern Versöhnung mit sich selbst.

 

 

Erschien am 4. Februar 2017 im «Schweizer Bauer».