«Heuschrecken könnten Partysnacks werden»

«Wir werden Insekten vermutlich in irgendeiner Form in unseren Speisezettel aufnehmen», sagt Marin Trenk, Experte für kulinarische Ethnologie. Ihm selbst schmecken besonders die Eier der Roten Ameise.

 

Interview: Julia Spahr; Bild von Marin Trenk: zVg

 

Julia Spahr: Seit dem 1. Mai sind drei Insektenarten in der Schweiz als Lebensmittel zugelassen. Die Mehrheit der Leute in der Schweiz und in Europa ekelt sich davor. In anderen Kulturen werden Insekten gegessen. Warum haben wir diese Ekelschwelle?
Marin Trenk: Seit eineinhalbtausend Jahren ist es bei uns nicht mehr üblich, Insekten zu essen. Niemand weiss, warum. Es gibt Kulturen, die entschieden haben, manche Insekten als essbar zu befinden und andere nicht. Das ist Teil von weitverbreiteten Speisetabus, wie sie alle Kulturen kennen. Genauso, wie wir auch keine Katze essen. Leute, die Katze probiert haben, sagen, es schmecke genauso wie Kaninchen, trotzdem essen wir Katze nicht und Kaninchen schon. Diese Speisetabus sind das Resultat von irgendwelchen Prozessen, die sich in der Geschichte verlieren. Was wir wissen, ist, dass wir in Europa Insekten gegessen haben, solange es das Römische Reich gab. Mit dessen Untergang, das ist grob gesprochen 1500 Jahre her, sind Insekten von unserem westlichen Speisezettel komplett gestrichen. Da gibt es überhaupt keine Ausnahme.

Wie sieht es in anderen Kulturen aus?
In den meisten anderen Kulturen isst man das eine oder andere Insekt, aber man trifft eine kleine Auswahl. Es gibt zahllose essbare Insekten, aber sogar in Thailand, wo viele Insekten gegessen werden, isst man nur ein bis zwei Duzend Arten. Da treffen Kulturen Selektionen nach irgendwelchen schwer nachvollziehbaren Kriterien. Wenn eine Kultur nur ein Insekt isst, dann ist es meistens die Heuschrecke. Selbst die alten Hebräer haben Heuschrecken gegessen, und die sind dafür bekannt, dass sie die umfassendsten Speisetabus in der Menschheitsgeschichte gehabt haben.

Nun kommen in der Schweiz Insekten als Lebensmittel auf den Markt. Wird sich bei uns ein kultureller Wandel vollziehen?
Ja. Es passiert mit grosser Sicherheit. Wie weit der Wandel gehen wird, ist allerdings schwer zu sagen.

Was macht Sie so sicher?
In letzter Zeit fanden zwei dramatische Wechsel unserer Geschmackspräferenzen statt. Der eine war, dass wir angefangen haben, rohen Fisch, also Sushi zu essen. Wüsste unsere Urgrossmutter davon, würde sie sich im Grab umdrehen. Vor nicht allzu langer Zeit hätte man in Europa niemals rohen Fisch gegessen. Er wurde immer mit kulinarischer Barbarei assoziiert. Der zweite Wandel ist das stark gewürzte Essen. In den letzten Jahren haben jüngere Leute gelernt, scharf zu essen. Noch bis vor einiger Zeit war Chili ausserhalb unseres kulinarischen Horizonts. Diese zwei Beispiele sind kulinarische Revolutionen. Bei den Insekten könnte sich auch so eine vollziehen. Hinzu kommt, dass sich in unserer Kultur etwas Grundsätzliches geändert hat. Wir sind neophil geworden: Einige von uns lieben das Neue. Viele Leute sind weitgereist und experimentierfreudig.

Wie könnte die Geschmacks-Revolution bei den Insekten vor sich gehen?
Da die Ekelschwelle vor Insekten noch ziemlich gross ist, wird damit experimentiert, das Insekt unsichtbar zu machen. Etwa in Form von Insektenchips. Also frittierte Heuschrecken beispielsweise. Wenn man diese auf einer Party anbieten würde, so gegen Mitternacht, würden wahrscheinlich viele Leute nach ein paar Gläsern zugreifen und die Snacks gar nicht schlecht finden. Ich glaube deshalb, dass die Einflugschneise der Insektennahrung über Party-Snacks sein wird. Einige Leute werden sicher experimentieren. Ob Insektennahrung aber ein Massenerfolg wird, weiss ich nicht. Ich würde vorerst ein grosses Fragenzeichen dahintersetzen.

Essen Sie persönlich Insekten, oder haben Sie diese Ekelschwelle auch?
Ich habe keine generelle Ekelschwelle, dafür habe ich einfach zu viel probiert. Aber ich würde mich nicht als grossen Insektenliebhaber bezeichnen. In Thailand, wo ich in den letzten Jahren intensiv geforscht habe, sind Insektensnacks sehr beliebt. Die mag ich nicht besonders. Aber ich muss sagen, ich esse auch keine Kartoffelchips als einer der wenigen in Deutschland (lacht). Mit frittierten Insekten kann ich also nicht viel anfangen, denn die schmecken ziemlich ähnlich. Es gibt aber etwas, das ich sehr gerne esse. Ein Insekt im Frühstadium, nämlich die Eier der Roten Ameise. Die gelten in Thailand als grosse Delikatesse. Man macht Salate daraus und gibt sie in Curries. Die Ameiseneier sind runde Gebilde. Beisst man drauf, macht es «papp», und es schmeckt säuerlich, sehr lecker. Dann gibt es in Thailand ein Insekt der edelsten Kategorie. Auf Deutsch wird es wenig ansprechend «Wasserwanze» genannt. Es ist ein grosser, flacher Käfer, der eine ganz delikate, leicht parfümartige Drüse hat. Die kann man ausdrücken. Sie wird gerne Dips und Gerichten beigegeben. Die mag ich persönlich auch gerne.

Könnte so etwas bei uns Einzug halten?
Ich könnte mir vorstellen, dass Spitzenköche bei uns damit oder mit den Eiern der Roten Ameise experimentieren werden. Sie schmecken höchst delikat und sehen nicht anstössig aus. Oft ekelt uns ja das Aussehen der Insekten und hält uns davon ab, sie zu essen.

Lesen Sie auch den Beitrag zur Vernissage des Buchs «Köstliche Insekten».

 

Erschienen im  «Schweizer Bauer» am 6. Mai 2017.