Ist da der Wurm drin?

Insekten sind proteinreich, umweltschonend und sollen lecker sein. Die ideale Nahrung der Zukunft, würden sie uns nicht ekeln. Wer Insekten vermarkten will, versucht, diese Schwelle beim Konsumenten zu überwinden.

 

Text, Bilder und Video: Julia Spahr

 

Es tönt fast ein wenig nach Ferien bei der Andermatt Holding in Grossdietwil LU. Durch das offene Fenster hört man Grillen zirpen und Heuschrecken singen. Die Tierchen leben aber nicht in freier Wildbahn. Sie werden gezüchtet. Zum Beispiel für Biopflanzenschutz, Tierfütterung und für die Medizin. Und bald für menschliche Nahrung.
Seit dieser Woche sind drei Insektenarten in der Schweiz als Lebensmittel zugelassen. Sobald alle noch ausstehenden Kontrollen durchgeführt sind, wird die Entomos AG, ein Spin-off der Andermatt Biocontrol AG, mit der Zucht der Tiere als Lebensmittel anfangen.

 

Gesund und lecker
Einiges spricht dafür, dass wir Insekten in unseren Speiseplan aufnehmen. Erstens haben sie einen hohen Proteingehalt. Je nachdem ob sie gefriergetrocknet oder getrocknet sind, enthalten sie 8–25 g Proteine pro 100 g. Zweitens sind sie ressourceneffizient. Für ein Kilo Grillen wird ein Bruchteil des Wassers benötigt wie etwa für ein Kilo Rindfleisch. Tötet man sie, empfinden sie im Vergleich zu anderen Schlachttieren keinen oder weniger Stress, was der dritte Grund ist: Insekten sind wechselwarme Tiere. Wenn sie frieren, schlafen sie ein. Die Insekten werden deshalb zur Abtötung in den Tiefkühler gestellt. «Sie schlafen ein und sterben, ohne, dass sie etwas merken», sagt Andreas Knecht, einer der Autoren des Buchs «Köstliche Insekten» an der Vernissage. Zudem seien die Insekten sehr lecker. Das werden die Buchautoren nicht müde zu betonen.

 

Edit Horvath und Andreas Knecht sind die Autoren des Kochbuchs Köstliche Insekten.

 

Aber es ekelt viele
Insekten scheinen tatsächlich ein ideales Lebensmittel zu sein. Wäre in unserem Kulturkreis nicht diese Ekelschwelle. Diese ist nicht in jedem Fall erklärbar, aber tief verankert. Wer in unseren Breitengraden Insekten vermarkten will, muss diese Schwelle beim Konsumenten abbauen. Dazu werden verschiedene Strategien verfolgt.
Kochbuchautor Knecht und seine Co-Autorin Edit Horvath setzten darauf, die Leute vom guten Geschmack und von der Vielfalt der Insekten zu überzeugen. Auch sie habe ihren Ekel zuerst überwinden müssen, sagt Horvath. Aber es habe sich gelohnt. Das wolle sie auch ihren potenziellen Konsumenten weitergeben. «Es wäre schade, wenn man keine Insekten essen würde.» Gut gewürzt oder caramelisiert in Desserts würden Insekten die Speisen bereichern. Pralinés und Cup-cakes beispielsweise. Heuschrecken, Grillen und Mehlwürme kommen dort statt Nüsse als Inhaltsstoff oder als Dekoration zum Einsatz.

 

Cup-cakes mit gewöhnungsbedürftiger Dekoration.

 

Tier unsichtbar gemacht
Das Start-up In-Snekt, das von der Entomos AG beraten und beliefert wird, entwickelt und produziert Apéro-Häppchen aus Insekten. Chips oder asiatische Spiesse aus Mehlwurmmehl. Diesen Produkten sieht man die Insekten nicht an. «Sie eigneten sich deshalb gut für die ersten Versuche», sagt Co-Geschäftsleiter der In-Snekt AG, Daniel Bisten. Die Ekelschwelle ist nämlich kleiner, wenn man das Tier nicht als solches erkennt.

 

Snacks aus Mehlwurm-Mehl vom Start-up In-Snekt.

 

Auch Coop verfolgt diese Strategie. Als einziger grosser Detailhändler nimmt er Insektennahrung ins Sortiment. In verarbeiteter Form. «Coop wird im Verlauf des Monats Mai die ersten Produkte, welche auf Insekten basieren, in ihren Supermärkten anbieten», sagt Mediensprecher Ramon Gander gegenüber der «Handelszeitung».

 

Beherzte Bisse
Nach der Vernissage dürfen die Häppchen gekostet werden. Einige Gäste wagen sich vor und beissen rein. Gerade die Chips und Spiesse auf Mehlwurmbasis finden Anklang. Eine Frau schlingt die Küchlein mit Grillen und Mehlwürmern regelrecht runter.

 

Diese Vernissage-Besucherin beisst beherzt in ein Insekten-Praliné.

 

Vielleicht gehen die Strategien der Vermarkter auf. Vielleicht findet eine kulinarische Revolution Richtung Insektennahrung statt.  Vielleicht ist es aber auch ein vorübergehender Hype und wir belassen es weiterhin dabei, Grillen nur beim Zirpen zuzuhören.

 

Co-Geschäftsleiter der In-Snekt AG Philipp Wiprächtiger ekelt sich nicht Insekten-Nahrung.

 

Lesen Sie auch das Interview über die kulturbedingte Akzeptanz resp. Inakzeptanz von Insektennahrung mit dem Experten für kulinarische Ethnologie Marin Trenk.

 

Erschienen am 6. Mai 2017 im  «Schweizer Bauer».