Er will hoch hinaus schwingen

Mit seinen 24 Jahren weiss Curdin Orlik genau, was er will. Das Studium an der Hafl abschliessen, als Agronom arbeiten und später einen Betrieb führen. Aber auch im Schwingen will er viel erreichen. Und dafür tut er einiges.

 

Text: Julia Spahr; Bilder und Video: wenn nicht anders angegeben: Julia Spahr

 

«Mein grösster Erfolg war sicher, dass ich am Eidgenössischen Schwingfest letztes Jahr in Estavayer acht Gänge schwingen konnte», sagt Curdin Orlik. Nach einer Pause fügt er langsam hinzu: «Und gleichzeitig war es die grösste Enttäuschung, weil ich knapp an einem Kranz vorbeigeschwungen habe.»
Der 24-jährige Schwinger sitzt in der Mensa der Hochschule für Agrar-, Forst und
Lebensmittelwissenschaften (Hafl) in Zollikofen BE. Hier studiert er Agronomie. Aber wer ihn auf dem tiefen Stuhl, etwas nach vorne gebeugt sitzen sieht, merkt schnell, dass er nach den Vorlesungen noch etwas anderes macht als in die Bibliothek zu gehen: Sein schwarzes T-Shirt spannt ihm über den breiten Schultern und beim kräftigen Nacken. Seine Arme liegen vor lauter Muskeln nicht eng am Körper an. «Ja, ich gehe zwei bis drei Mal in der Woche ins Schwingtraining und ebenso oft in den Kraftraum», sagt er. «Dass ich in Estavayer nicht besser war, liegt daran, dass ich damals weniger trainiert habe. Heute merke ich, dass mich das Training vorwärtsbringt.» Dieses Jahr will er mehr erreichen. «Am liebsten würde ich an jedem Fest einen Kranz gewinnen. Oder vielleicht muss ich es so sagen: Ich will in jedem Gang mein Bestes geben. Und das Hauptziel ist, mich fürs Unspunnenfest zu qualifizieren», sagt er.

 

Am Eidgenössische Sching- und Älplerfest im August 2016 kämpfte Curdin Orlik  im 5. Gang gegen Tiago Vieria (Bild: swiss-image.ch/Michael Buholzer)

 

«Zweite Zukunft»
Für den Erfolg hat er den Abschluss seines Bachelorstudiums hinausgeschoben. Statt diesen Sommer schliesst er Ende Jahr ab. Und danach, will er einen eigenen Bauernbetrieb führen? «Das ist ein Ziel, aber in der zweiten Zukunft», wie er sagt. Dazu macht er mit seinem starken Arm eine in die Ferne deutende Bewegung. «Wenn ich einen Betrieb führe, dann sicher einen mit Braunvieh», ergänzt er. Das sei seine Lieblingsrasse. Er komme zwar nicht aus einer Bauernfamilie, habe aber als Kind und Jugendlicher oft auf einem Hof im Nachbarsdorf Valzeina GR geholfen. Dort hätten sie solche Tiere gehabt. «Wahrscheinlich kommen für mich deshalb nur diese infrage», sagt er.
Das sei aber wie gesagt noch weit weg: «Zuerst möchte ich als Agronom arbeiten.» Zudem habe er sich noch keine Gedanken darüber gemacht, wo der Betrieb sein soll. Orlik kommt aus dem Bündnerland, zur Zeit ist er unter der Woche im Internat in Zollikofen.

Die Wochenenden und den Dienstagmorgen verbringt er in Kandersteg BE, wo er mit seiner Freundin und seinem 13 Monate alten Sohn Pierin lebt.
Der junge Vater kommt aus einer kinderreichen Familie. Er ist der zweitjüngste von vier Brüdern. Über den Vater sind sie zum Schwingen gekommen. Dieser hat den Sport neben dem Judo ausgeführt. «Im Jahr 2005 wollte ich auch schwingen.»

 

Im Video erzählt Curdin Orlik, warum er Agronomie Studiert und welches seine Ziele für die Schwingsaison sind.

 

Ansporn statt Eifersucht
Nach Curdin fingen auch seine drei Brüder mit an. Die beiden älteren haben schnell wieder aufgehört, aber sein jüngerer Bruder, Armon, war erfolgreich. Er ist der Orlik, den man kennt. Hat 26 Kränze gewonnen und war letztes Jahr gegen Mathias Glarner im Schlussgang des Eidgenössischen Schwingfests. Ist Curdin nicht eifersüchtig auf den jüngeren Bruder? «Nein», sagt er. Der etwas verlegene Blick aus den grünen Augen und das zögerliche Lächeln verlangen fast nach einer Nachfrage. «Wirklich nicht?» «Nein. Es ist nicht Eifersucht. Es ist eher ein Ansporn. Wir haben eine ähnliche Technik und schwingen beide vielseitig.» Sein Bruder sei ihm aber, was den Kraftbereich angehe, etwas voraus. «Das motiviert mich, intensiver zu trainieren», sagt Curdin Orlik.

Immer besser werden
«Aber auch ganz unabhängig von meinem Bruder möchte ich einfach immer besser werden», fährt er weiter. Er wisse nicht, was er alles erreichen könne, aber «ich denke, wenn ich so weitermache, ist bei mir viel möglich». Zunächst freut er sich aber auf die anstehende Saison und auf den Abschluss des Studiums.

 

Zur Person
Curdin Orlik wurde im Jahr 1993 geboren. Er wuchs mit seinen Eltern und drei Brüdern in Landquart GR auf. Noch bis Ende Jahr studiert er an der Hafl Agronomie. Bisher hat er 18 Kränze erschwungen.

 

Erschienen am 10. Juni 2017 im «Schweizer Bauer».