Er will der Beste im Ausbeinen sein

Mehrere Schicksalsschläge bewogen Andreas Gerber aus Gohl BE, den Metzgerberuf aufzugeben. Heute führt er einen Milchwirtschaftsbetrieb. Der Metzgerei ist er trotzdem treu geblieben. Ziemlich erfolgreich.

 

Text und Bilder: Julia Spahr

 

Mit zittrigen Fingern versucht Andreas Gerber, das herausgefallene Glas zurück in seine Brille zu bringen. Dazu hat er nur eine Hand frei. Die andere steckt in einem Kettenhandschuh. Auf dem Tisch vor ihm liegen vier Messer und drei rohe Schweinsschultern. Um ihn herum stehen andere Männer, ebenfalls vor Tischen mit Fleischstücken. Alle tragen lange blaue Plastikschürzen. In der Ilfis-Eishalle in Langnau BE ist es kalt. Es riecht nach Eis und rohem Fleisch.
Andreas Gerber steht kurz vor dem Anpfiff der Schweizer Meisterschaft im Ausbeinen, die zum 15. Mal vom Verein Freunde der Metzgerschaft organisiert wird. Mehrere Male hat Gerber bereits teilgenommen. Dieses Jahr zum ersten Mal in der Kategorie Senioren und mit Brille. Das Brillenglas ist noch immer nicht zurück im Gestell, als der Schiedsrichter den Anpfiff geben will. Alle warten auf Gerber. Energisch drückt dieser die Brille einem Jurymitglied in die Hand und bedeutet, dass er ohne Sehhilfe starten will. Der Schiedsrichter pfeift an. Es kommt Bewegung in die Männer in ihren blauen Schürzen auf dem Eisfeld. Alle schneiden konzentriert und energisch in die Schweinsschultern. Gerber hat die Augen zusammengekniffen, blickt aufs Messer, das er rund um den Knochen bewegt. Hin und wieder drückt er seine eigene Schulter auf jene des Schweins und bewegt das Messer nach links und rechts.

«Ich will gewinnen»
«Ich will gewinnen», sagt er ein paar Tage vor der Meisterschaft. Er sitzt an einem viereckigen Holztisch in der Küche seines Bauernhauses. Aus einer Thermosflasche lässt er dampfendes Wasser in ein Glas laufen, dessen Boden mit Pulverkaffee gefüllt ist. «Diese Meisterschaft bedeutet mir viel. Metzgen ist für mich mehr als ein Hobby.» Es ist der Beruf, den Gerber vor fast 40 Jahren erlernt hat.

Nach der Lehre arbeitete er drei Jahre bei der Reber Fleischwaren AG in Langnau BE. Nebenbei half er immer auf dem elterlichen Betrieb. Als seine Mutter unerwartet starb, musste er intensiver in den Betrieb einsteigen. Er absolvierte den Winterkurs auf dem Schwand, arbeitete aber weiterhin bei der Reber AG. Nach dem Tod der Mutter war die Situation zu Hause nicht einfach. Gerber wollte den Vater nicht alleine lassen. Sie bauten die Wohnung aus, und er zog mit seiner Frau ein. «Sie war nicht zufrieden mit der Wohnsituation. Ich stand immer zwischen ihr und meinem Vater.» Zudem arbeitete Gerber 100 Prozent bei Reber AG, übernahm den elterlichen Betrieb als Nutzniesser und später als Pächter. Als er einen Schweinestall baute und das vierte Kind unterwegs war, kollabierte er. «Ich konnte nicht mehr so weitermachen. Von einem Tag auf den anderen stieg ich bei Reber aus», sagt er und macht eine Pause. «Das hat mich sehr gereut.»
Aber aufzuhören mit Bauern, war nie eine Option. «Dass ich den Betrieb übernommen habe, war nie ein Müssen. Potzhingere, das war ein Wollen», sagt er. Er investierte seine Arbeitskraft in den Betrieb. Nahm das Land des Nachbarn in Pacht, baute 2004 einen Laufstall, erwog verschiedene Möglichkeiten der Betriebsführung und entschied sich schliesslich, bei den Milchkühen zu bleiben. Heute hat er 19 Kühe, zieht die Kälber auf und hat eine Schweinezucht mit 12 bis 14 Mooren. Das Metzgen ging ihm aber nie aus dem Kopf. Nach einer Pause stieg er aushilfsweise in seinem Lehrbetrieb ein.

 

Andreas Gerber vor seinem Bauernhaus in Gohl im Emmental.

 

Gerber mit einem Ferkel. Die Schweinezucht ist einer seiner Betriebszweige.

 

«Ich war schlecht»
2004 fand die zweite Schweizer Meisterschaft im Ausbeinen statt. «Ein Kamerad überredete mich, dort mitzumachen. Ich nahm teil. Und ich war schlecht.» Von 36 Teilnehmern belegte er den 29. Platz. «Nie mehr mache ich mit, dachte ich darauf», sagt Gerber weiter. Ein ehemaliger Arbeitskollege motivierte ihn aber und übte mit ihm. Im darauffolgenden Jahr wurde er Elfter. «Von da an merkte ich, dass ich es kann, wenn ich trainiere. Ich nahm jedes Jahr teil und war immer unter den besten 16.» Das, obwohl er als nicht aktiver Metzger in der Kategorie der Metzger startete. «Vermutlich ist es die Leidenschaft, die mich zu solchen Leistungen fähig macht», sagt er, lächelt zögernd und blickt auf den Tisch. «2012 hat dann alles gepasst. Ich besiegte beispielsweise den sehr starken Hans Arnold bereits im Achtelfinal.» Auch dieses Jahr ist Hans Arnold im Rennen und wird vermutlich auf Gerber treffen.

 

Volle Konzentration vor dem Anpfiff.

 

«Resu, Resu, Resu»
Andreas Gerber übersteht die Vorrunde. Zwar ist er nicht ganz zufrieden mit seiner Zeit. «6Minuten 45 sind sehr lang für mich. Aber ich habe darauf geachtet, dass ich sauber gearbeitet habe. Es reicht ganz sicher für den Achtelfinal.»
Tatsächlich erreicht er nach der Qualifikation den ersten Platz und kommt problemlos weiter. Auf der Tribüne sitzen seine Frau, seine Kinder und deren Partner. Alle tragen ein T-Shirt mit einem Foto von Andreas Gerber beim Ausbeinen. «Resu, Resu, Resu», feuern sie ihn an. Ob sie stolz sind auf den Vater? «Sehr, ja, sehr!», sagt Eveline, eine seiner Töchter. Unter diesen Zurufen übersteht er Achtel- und Viertelfinal.

 

Familie und Fanclub. Die Meisterschaften sind für alle ein besonderer Anlass.

 

Als der Halbfinalgegner feststeht, stockt ihm der Atem. Es ist Hans Arnold. Tatsächlich gelingt es Gerber nicht, sich gegen ihn durchzusetzen. Er muss sich letztlich mit Rang 4 zufriedengeben, während Arnold den Titel holt. «Ich bin enttäuscht. Der vierte ist ein sehr undankbarer Platz.» Trotzdem sei es schön gewesen. Für ihn und die ganze Familie.
Nächstes Jahr will er wieder dabei sein. Vermutlich mit demselben Vorsatz wie dieses Jahr und vielleicht dieses Mal mit Brille.

 

Ausbeinen

Beim Ausbeinen geht es darum, möglichst schnell das Fleisch von Knochen und Knorpel zu befreien. Wenn viele Knorpel im Fleisch zurückbleiben, wenn noch zu viel Fleisch am Knochen bleibt und wenn tiefe Schnitte im Fleisch sind, gibt es Strafsekunden. Im Sechzehntelfinal tritt der Erstplatzierte gegen den auf Platz 16 an

 

Erschienen am 26. August 2017 im «Schweizer Bauer»