Der Schokoladenbauer und seine Kühe

Jean-Michel Chevalley aus Les Tavernes VD ist einer der 44 Bauern, die für Cailler Milch produzieren. Weil es gute Schokolade sei, produziere er gern dafür, sagt er. Zudem bekommt er in Zukunft einen besseren Milchpreis.

 

Text und Bilder: Julia Spahr

 

«Lassen Sie uns zuerst zu den Kühen gehen», sagt Jean-Michel Chevalley. Er fährt auf der kurvige Strasse aus dem Dorf heraus zu einer etwas höhergelegenen Weide. Durch das nasse Gras geht er auf seine Tiere zu. Sein rotes T-Shirt leuchtet vor dem grünen Hintergrund der Hügel. Über den blauen Himmel ziehen weisse Wolken. Es riecht nach frischer Herbstluft.
Im Schatten einiger Bäume liegen die 40 Tiere eng beieinander. Als sie den Bauern entdeckt haben, kommt Bewegung in die Herde. Eine Kuh nach der anderen erhebt sich schwerfällig. Wie eine gut erzogene Schulklasse, die den Direktor begrüsst, stehen sie da. «Allez, allez, allez», ruft Chevalley, um die Tiere um sich zu scharen. Sie wollen aber nicht bei ihrem Bauern bleiben. Sie trotten Richtung Hof. «Jetzt denken sie, es sei schon Zeit zum Heimgehen», sagt Chevalley und lacht. Jetzt ist aber erst Mittag, und es wird noch nicht gemolken.

 

Jean-Michel Chevalley bei seinen Kühen auf der Weide.

Schokoladen-Kühe
Die Milch der Tiere wird alle zwei Tage von Nestlé abgeholt, genauer gesagt vom Tochterunternehmen Cailler. Ein Lastwagen mit einem Bild des Maison Broc FR, wo die Schokolade hergestellt wird, bringt sie in die Fabrik. «Es muss extra ein Camion kommen, denn Cailler garantiert den Konsumenten, dass genau unsere Milch in die Schokolade kommt», erklärt Chevalley.
«Cailler pflegt seit Jahren eine Partnerschaft mit den Bauern in der Region. Aktuell beliefern 44 Bauern aus dem Umkreis von 30 Kilometern um Broc die Fabrik», ist die Wortwahl Nestlés in einer Medienmitteilung. Seit diesem Frühling trägt die Cailler-Schokolade das Label von IP-Suisse. Um die IP-Suisse-Richtlinien einhalten zu können, mussten einige der zuliefernden Milchbauern ihre Produktion zum Teil umstellen. «Wir haben schon fast alle Richtlinien erfüllt», sagt Chevalley, deshalb musste er selbst nicht viel verändern.
Seine Kühe bekommen Gras, Heu und Mais zu fressen, fast alles baut er auf seinen 50 Hektaren Land an.

 

Aus der Milch dieser Kühe macht Cailler Schokolade.

Besserer Milchpreis
Der Rückweg auf den Hof Chevalleys führt an einer Tafel vorbei. «Willkommen auf unserem Familienbetrieb, der für Nestlé Broc», also für die Caillerfabrik, Milch produziert, heisst es in Französisch auf der Tafel. Cailler wirbt gezielt mit den Bauern und der Milch aus der Region. «Das scheint mir eine gute Idee. Warum sollten wir nicht den Wert der Schweizer Schokolade und deren Inhaltsstoffe rausstreichen, wie wir es beim Käse tun», sagt Chevalley. Ob die Kampagne und die Idee letztlich ankomme, sei aber schwer zu beurteilen. «Letztlich geht es um die Frage, ob wir langfristig eine Schweizer Landwirtschaft haben wollen oder nicht. Und darüber entscheidet der Konsument.» Man werde sehen, ob dieser gut auf die Cailler-Schokolade mit dem IP-Suisse-Label anspreche.
Für die Cailler-Bauern lohnt sich das neue Label jedenfalls. Bereits jetzt wird ihnen auf einem Teil der Milch 4 Rp./kg. mehr ausbezahlt, 2019 bekommen sie diesen Zusatz für die gesamte Menge Milch. Bei Chevalley fliessen zurzeit 60 Prozent der Milch in die Schokoladenproduktion.

 

Jean-Michel Chevalley ist stolz, dass er für Cailler produzieren kann.

Freie Kühe im Stall
Die rund 300000 kg Milch, die Chevalleys 40 Kühe jährlich geben, werden im Melkstand neben dem Freilaufstall gemolken. «Mein Vater und mein Grossvater haben diesen Stall in den 1970er-Jahren gebaut», erzählt der Bauer. Damals war ein Laufstall eine Sensation, erinnert er sich. «Ich war damals noch ein Kind. Aber ich weiss noch, dass die Leute carweise hierhergekommen sind, vor allem aus der Deutschschweiz. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass man Kühe frei rumlaufen lassen kann», sagt er und schmunzelt. «Heute ist das ganz normal, und ich bin sehr froh, dass meine Vorfahren diese Investition getätigt haben.»

Nächste Generation
Vor dem Stall fährt ein blonder Junge auf seinem kleinen Fahrrad herum und schaut in die Kälberiglus. «Das ist einer meiner Enkel», sagt Chevalley und winkt den Jungen heran. Es ist der Sohn seiner Tochter und deren Mann, die seit einigen Jahren auf dem Betrieb arbeiten. Der Betrieb des 56-jährigen Chevalley scheint also auch über seine Generation hinaus zu bestehen. Wie es aussieht werden seine Nachfolger ebenso wie bereits seine Vorfahren Milch für Schokolade produzieren.Und Chevalley ist stolz darauf, dass seine Milch in das Produkt fliesst. «Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, wo unsere Milch hingeht.» Besonders erfreulich sei, dass Schokolade daraus wird. «Ich mag Schokolade und es ist gute Schokolade», sagt der Milchbauer.

 

Erschienen am 14. Oktober im «Schweizer Bauer» im Rahmen eines Dossiers zur Schokolade.