Wie ein toter Vater Kinder zeugt

Thomas Leuenberger mit Harleys Mutter Vanessa.

Thomas Leuenberger mit Harleys Mutter Vanessa.

 

Der Protagonist dieser Geschichte ist tot. Seit Jahren. Und doch zeugt er noch immer Nachkommen. Er heisst Harley und ist ein Zuchtstier der Rasse Red-Holstein. Thomas Leuenberger ist sein Züchter. Zuerst wollte er ihn gar nicht – heute beschert ihm der Stier grosse Erfolge.

 

Thomas Leuenberger ist nervös. Seit neun Monaten. Er wartet auf Nachwuchs. Seine Kuh Vanessa soll ihm ein gesundes Kuhkälbchen gebären. Er hat sie mit dem Sperma des Top-Stiers Acme besamt. Bis jetzt hat Vanessa nur weibliche Kälber geboren – das ist gut: Die kann man brauchen. An einem Abend im April merkt er, dass es soweit ist. Vanessa will kalbern. Leuenberger bleibt bei ihr, geht auf und ab. Vanessa windet sich. Endlich legt sie sich hin. Die Beine des Kalbs ragen bereits aus ihrem Uterus. Leuenberger lässt sie machen. Alles läuft gut. Und da ist es: Ein schönes Tier liegt im Stroh neben der Mutter. Sie dreht sich zu ihm, leckt es ab. Leuenberger kommt näher. Ist es ein Kuhkälbchen? Nein, ein Muni!

Das war vor knapp sieben Jahren. Leuenberger steht vor seinem Stall in Burgistein BE und blickt zurück. Über der Tür hängen Plaketten mit Auszeichnungen für seine Kühe. «Genau das fasziniert mich an der Viehzucht: Es braucht Geduld, Wissen und etwas Glück. Erst nach neun Monaten sieht man, ob man richtig angepaart hat.» Es sei aber nicht nur die Leidenschaft und das Interesse an der Genetik. Dass er Vieh züchte, habe auch wirtschaftliche Gründe. «Bei dem schlechten Milchpreis muss ich mit meinen Tieren Geld verdienen. Ich muss klug besamen und auch mal eine Kuh verkaufen.»

 

Thomas Leuenberger erklärt, was ihn an der Viehzucht fasziniert.

 

Lieblingsbuch Muni-Katalog

Der 30-jährige Leuenberger ist schon lange Viehzüchter. «Als ich acht Jahre alt war, hatte mein Vater die Hüfte kaputt. Ein Bekannter, der Berger Chlöisu, kam uns deshalb im Stall helfen», erzählt Leuenberger. Der habe ihn beim Melken auf den Schoss genommen, «schau, so sieht ein schönes Euter aus», habe er erklärt. Und Leuenbergers Interesse war geweckt. Obwohl sein Vater keine besondere Freude an der Viehzucht hatte, gingen sie an Viehschauen – Misswahlen für Kühe, sozusagen. «Unsere Tiere haben immer den letzten Platz gemacht.» Von der Sonne geblendet blinzelt Leuenberger, der Wind weht ihm übers kurze blonde Haar. Aus seinen blauen, tiefliegenden Augen schaut er seinem Gegenüber ins Gesicht und dann wieder schräg vor sich auf den Boden. «Das kann doch nicht sein, habe ich gedacht. Und der Ehrgeiz hat mich gepackt, das zu ändern.» Er fing an, sich weiterzubilden, suchte im Muni-Katalog geeignete Stiere, sprach mit den Besamern, kaufte vielversprechende Spermadosen und paarte geschickt an.

 

Im Hörbeitrag erklärt Leuenberger, wie er zur Viehzucht kam.

 

Schliesslich ging es bergauf. Leuenbergers Kühe wurden nicht mehr Letzte. Sie gewannen wichtige Preise. Besonders Vanessa war ein Erfolg. Sie ist mittlerweile mit dem elften Kalb trächtig und hat in ihrem Leben bereits 106 000 Kilo Milch gegeben. Eine beachtliche Leistung: Im Durchschnitt sind Kühe der Rasse Red-Holstein drei Mal trächtig und geben 25 000 Kilo Milch.

 

Die beste Kuh im Stall: Leuenberger ist stolz auf seine Vanessa.

 

Leuenberger geht ins Wohnzimmer seines Bauernhauses und nimmt ein Foto von Vanessa von der Wand. Er setzt sich in die Küche, betrachtet das Bild, streicht darüber und legt es auf den Tisch. Im Mundwinkel hat er ein geplatztes Fieberbläschen.

Auch vor knapp sieben Jahren sass Leuenberger am Küchentisch. Damals war er enttäuscht von Vanessa. «Dass sie einen Muni geboren hat, hat mir verdammt Mühe gemacht.» Leuenberger klopft auf den Tisch. Sein Mundwinkel beginnt zu bluten. «Ich konnte es nicht fassen. Vanessa hatte doch immer weibliche Tiere geboren. Und jetzt, wo ich so viel Geld in das Sperma investiert hatte, einen Muni. Mir war klar, dass ich ihn metzgen musste.»

Leuenberger wischt sich das Blut von den Lippen. Da Red-Holstein-Kühe Milch- und nicht Mastrassen sind, erreicht man mit ihnen kein hohes Schlachtgewicht und verdient nicht besonders viel. Es reute Leuenberger. Er zögerte den Entscheid noch etwas hinaus, beobachtete den kleinen Stier und gab ihm den Namen «Harley». «Plötzlich fand ich, dass es ein schönes Muneli sei. Das konnte ich nicht schlachten.» Als Harley ein paar Wochen alt war, rief Leuenberger bei Swissgenetics an, dem grössten Schweizer Unternehmen im Bereich künstliche Besamung. In der Hoffnung, es würde Harley kaufen. Tatsächlich entsprach der Stier den Kriterien von Swissgenetics. «Das ist das Grösste, was einem Züchter passieren kann. Eine unglaubliche Ehre», sagt Leuenberger. Und es kommt sehr selten vor. Besonders, wenn Swissgenetics nicht von Anfang an involviert ist.

 

Der Stier Harley, wie er im Muni-Katalog abgebildet ist. (Foto: KeLeKi)

 

Gezielte Paarung

«Normalerweise bestimmt Swissgenetics Mutter und Vater des potenziellen Zuchtstiers vor der Paarung», erklärt Samuel Krähenbühl. Er ist Teamleiter Produktentwicklung Genetik bei diesem Unternehmen. Der zwei Meter grosse Mann setzt sich an einen Tisch in einer Pizzeria in Zollikofen BE, wo er am Hauptsitz von Swissgenetics arbeitet. In seiner Brusttasche steckt ein Kugelschreiber mit der Aufschrift «Spermvital».

«Paart man eine Stierenmutter mit einem Stierenvater an und besamt die Kuh künstlich, nennt man das gezielte Paarung», sagt er weiter. Kommt nach neun Monaten ein gesundes Stierkalb auf die Welt, wird durch verschiedene Verfahren sein Zuchtwert ermittelt. «Sobald die Resultate vorliegen, entscheidet Swissgenetics, ob der Stier angekauft wird oder nicht», sagt Krähenbühl. Diese Tests hat Swissgenetics auch bei Harley durchgeführt. Aber selbst nachdem er diese bestanden hatte, war noch nicht klar, ob sie seine Spermien wirklich verwenden würden.

«Der noch nicht zeugungsfähige Jungstier kommt zunächst in die Aufzuchtstation von Swissgenetics in Langnau bei Reiden LU», erklärt Krähenbühl den Prozess. Nach einer Quarantäne und weiterer Aufzucht benoten Experten der Zuchtverbände die Typeigenschaften der Stiere. Gesunde, kräftige und gut gebaute kommen im Alter von knapp einem Jahr nach Mülligen AG. «Dort wird der Geschlechtstrieb des jungen Stiers geweckt. Er soll ein Phantom, das in Grösse und Form einem Kuhrücken ähnelt, bespringen. Samt der Stier ab, sammelt ein Laborant sein Ejakulat in einem Kunststoffbehälter und untersucht es. Erst, wenn der Stier ausreichend gesunde und lebende Spermien produziert, gibt man ihn frei», sagt Krähenbühl. Ein «Sprung», also eine Ejakulation, ergebe in der Regel mehrere hundert Samendosen, von denen jede ausreiche, «eine Kuh trächtig zu bringen», wie Krähenbühl es ausdrückt. Im Labor füllt man die Dosen in dünne Kunststoffröhrchen und lagert sie bei minus 196 Grad. Von dort aus kommen sie über die Besamer zu den Bauern und deren Kühen.

 

So gehen Ab- und Besamungen vor sich. (Quelle: bis Sekunde 8 Swissgenetics, dann Julia Spahr)

 

Kommt nach der künstlichen Besamung ein weibliches Kälbchen zur Welt, wird es aufgezogen, bis es im Alter von gut zwei Jahren selbst sein erstes Kalb gebiert. «Von da an analysiert man die Milchleistung sowie die Inhaltsstoffe Fett und Eiweiss einmal im Monat. Zudem misst und beschreibt man die äussere Schönheit der Töchter systematisch», sagt Krähenbühl. Dabei geht es weniger um die subjektive Schönheit als vielmehr um die Wirtschaftlichkeit der äusseren Erscheinungsmerkmale (etwa Euter, die eine gute Milchleistung begünstigen oder eine Beckenform und -breite, die das Kalbern erleichtert). Aus diesen Messungen und Beschreibungen errechnen Zuchtverbände die Zuchtwerte. Daran orientieren sich Züchter beim kauf der Spermien.

«Lieber Natursprung»

Das tönt alles ziemlich technisch. Zwar gibt es noch immer «Natursprünge», wie man die natürliche Paarung von Kühen und Stieren nennt. Das Geschäft mit der künstlichen Besamung ist gegenüber dem Natursprung jedoch vorherrschend. Swissgenetics ist hierzulande Marktführer auf dem Gebiet. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 350 Mitarbeiter, erwirtschaftet einen Jahresumsatz von gut 57 Millionen Franken und verkauft pro Jahr fast anderthalb Millionen Spermadosen.

Stellen sich bei dieser Technisierung der Fortpflanzung nicht moralische Bedenken ein? «Es ist ein Geschäft», sagt Krähenbühl in der Zollikofener Pizzeria dazu. Leuenberger fährt sich an seinem Küchentisch durchs Haar. Das Blut auf seinen Lippen ist getrocknet. «Es ist tatsächlich ein ziemlicher Eingriff in die Natur». Und doch könne man argumentieren, dass der Natur auch geholfen sei. Früher kaufte man in einem Dorf gemeinsam einen «Genossenschaftsmuni». Der sei allen Kühen im Dorf «aufgehockt», wie man sagt. «Hat dieser Schwergeburten vererbt, hatten ein Jahr lang all diese Kühe mit schweren Geburten zu kämpfen. Viele mussten aufgrund dessen samt Kalb geschlachtet werden.»

Was aber, wenn man das technische Wissen um die gezielte Paarung auch auf Menschen anwenden würde? Leuenberger lacht. «Bei den Menschen würde ich noch immer den Natursprung bevorzugen. Da haben alle am meisten davon.» Weitere Analogien zum Menschen will er keine ziehen.

Er schaut ein gerahmtes Bild von Harley an und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Auch er verdient an dem Geschäft. Für jede Samendose, die von Harley verkauft wird, erhält Leuenberger Provision. 2,25 Franken. Zurzeit sind noch um die 4000 Spermadosen von Harley verfügbar. «Werden die alle verkauft, erhalte ich eine schöne Summe, ohne etwas zu tun.» Mehr Dosen können von Harley aber nicht mehr produziert werden. «Er ist jetzt schon seit einiger Zeit eine Salami», sagt Leuenberger. Harley hatte einen Gendefekt. Den vererbt er zwar nur rezessiv: Krank werden können Kälber nur, wenn die Mutter des Kalbs den Defekt ebenfalls hat. Bei allen anderen Kühen kann man das Sperma bedenkenlos verwenden. Swissgenetics will aber möglichst nur Spermadosen von Stieren ohne bekannte Erbfehler. Deshalb liess es Harley schlachten, ohne ihn noch einmal absamen zu lassen.

Grosser Auftritt

Ein paar Wochen später: Leuenberger hat sich herausgeputzt. In dunkelblauen Jeans, eleganten Schuhen und einer schwarzen Jacke geht er über den Parkplatz der Vianco-Arena in Brunegg AG. Drei Freunde begleiten ihn. Sie sind extra aus dem Berner Oberland in den Kanton Aargau gereist. Mit schnellen Schritten betreten sie die Halle, drängen sich durch die Menschenmenge in Richtung Stall.

An der Nachzuchtschau von Swissgenetics, die heute stattfindet, werden vier von Harleys Töchtern Viehzüchtern vorgeführt. Sie sollen Werbung machen für die Samendosen des Vaters. Leuenberger ist etwas nervös.

Er muss hoffen, dass Bauern, die ihre Kühe mit Harley besamt haben, mit schönen Töchtern an die Nachzuchtschau kommen. «Es ist auch schon vorgekommen, dass nur hässliche Tiere da waren», das ist schlecht für den Verkauf des Spermas. Zudem geht es um den Züchterstolz. «Sein» Harley soll natürlich möglichst gut wegkommen.

Im Stall der Vianco-Arena stehen die Kühe in zwei Reihen. Links das Braunvieh, rechts die rot-weissen Red-Holstein. Swissgenetics-Mitarbeiter in Stallkleidern gehen ständig um die Tiere herum. Striegeln sie, bürsten ihre Schwanzspitze, kommen angerannt, sobald ein Tier den Schwanz hebt. Der Kot der Kühe darf auf keinen Fall ihr Fell berühren. Die Mitarbeiter halten deshalb Kübel unter den Anus der Kühe und fangen den Darminhalt auf. Dann putzen sie die Hintern der Tiere mit Toilettenpapier ab.

 

Swissgenetics-Mitarbeiter achten darauf, dass die Kühe vor dem Auftritt sauber bleiben.
Besucher der Nachzuchtschau mustern die Tiere vor dem offiziellen Auftritt.

Leuenberger bleibt hinter vier Red-Holstein Kühen stehen. Über ihnen sind Namensschilder befestigt: «Havanna», «Croquette», «Sinja» und «Rihanna». Auf jedem Schild steht auch der Name des Vaters. «Harley». Lange betrachtet Leuenberger die Tiere. Seine Freunde stehen neben ihm. Abwechselnd blicken sie die Kühe an, dann wieder ihn. Er steht einfach da und schaut. «Momou, das sind schöne Kühe», sagt er schliesslich. «Ich freue mich auf ihren Auftritt.»

 

Auch die Besitzer der Harley-Töchter erfreuen sich am Anblick ihrer Tiere. Etienne Liechti aus Fornet-Dessous im Berner Jura schaut sich seine Croquette an. «Hier fällt sie mir erst richtig auf.» Zu Hause im Stall scheine sie nichts Besonderes zu sein. «Aber hier sieht sie aus, als trage sie ihr Sonntagsgewand», sagt Liechti. Mit Harley als Vater sei er sehr zufrieden. «Seine Tochter ist eine unproblematische Kuh. Sie ist pflegeleicht, gibt gut Milch und hat ein gesundes Kuhkalb geboren». Es sei für ihn eine grosse Freude, sie bei ihrem Auftritt zu sehen.

 

«Als trage sie ihr Sonntagsgewand». Etienne (l.) und sein Sohn Antoine Liechti sind stolz auf ihre Croquette.

 

Aber nicht nur die Harley-Töchter treten hier vor Publikum. Auch Leuenberger selbst wird später auf die Bühne gerufen. Samuel Krähenbühl verleiht ihm eine Auszeichnung für Harley als erfolgreicher Stier. Harley hat aktuell den höchsten Gesamtzuchtwert aller nachzuchtgeprüften Stiere seiner Rasse. «Zum Glück habe ich ihn nicht zum Metzger gebracht», sagt Leuenberger nach der Preisverleihung. In der einen Hand hält er die Glastrophäe, mit der anderen wischt er sich eine Träne aus den blauen Augen.

 

Eine Harley-Tochter tritt vor Publikum.

 

Die Harley-Töchter bei ihrem Auftritt: Züchter interessieren sich besonders für die Hinteransicht. So sehen sie, wie die Euter gebaut sind.

 

Leuenberger hält die Trophäe, die er für Harley erhalten hat, in den Händen…
…und posiert für die Fotografen. (Beide Fotos: Robert Alder)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text: Julia Spahr; Fotos, Videos, Hörbeitrag: wenn nicht anders angegeben: Julia Spahr.